Im Sommer 2009 besuchte ich wieder einmal die Orkla, um an den „Spinnler-Strecken“ zu fischen. Trotzdem der Wasserstand der
Orkla deutlich gestiegen war, war allgemeiner Frust über die mäßigen Fänge zu hören. Na, man wird ja sehen!
Ich fische im Tandem mit Kurt, einem Schweizer. Er sei Anfänger, gibt sich Kurt zu erkennen und habe sich die Grundbegriffe im
Zweihandruten-Fischen in einem Kurs angeeignet.
Seine optisches Markenzeichen sind ein knallroter Campinghut, ein ziemlich blauer Sweater und eine Loop Yellow Line Rute, 14 Fuß
lang, die sich gelb vom dunklen Untergrund der Orkla abhebt. Jedenfalls ist Kurt eine farbige Abwechslung zu den rostfarbigen
Steinen und den Bäumen im Uferbereich.
Wir beginnen zu fischen, doch Kurt geht es nicht so leicht von der Hand. Er versucht eine elendig lange Schnur in die Weite des
Flusses zu katapultieren. Er peitscht seine Rute tief nach vorne und tief nach hinten- was außer Schnursalat nicht viel Erfolg bringt.
Je wütender er über das Nichtgelingen seiner Wurfversuche wird, umso heftiger werden seine Peitschenbewegungen und damit
auch das Schlamassel.
„So wird das nie was!“ denke ich mir und biete Kurt ein paar Tipps an, die er auch gerne annimmt: Rutenbewegung immer im
Winkel zwischen 11 Uhr und 13 Uhr, Schnur kurz halten und schießen lassen...
Er fischt darüber hinaus auch noch einen viel zu schweren Schusskopf für seine weiche Rute! Auch andere Kollegen nehmen sich
des Problems an. Bernd kürzt einen seiner Schussköpfe ein und überlässt ihn Kurt. Auf der Wiese vor dem Landhaus Aunemo in
Fannrem entsteht in der Mittagszeit ein reges Treiben. Alle werfen und erklären sich gegenseitig das Wissenswerte dazu. Mittendrin
Kurt, der das Ganze sichtlich genießt. Und siehe da, seine Würfe verbessern sich sprunghaft!
Die Fänge dieser Woche halten sich, leider und ungewöhnlich zu sonst, sehr in Grenzen. Man kann sie an den Fingern einer Hand
abzählen und vor allem sind keine frischen Fische dabei! Es wird von Wer glaubt, dass Kurt deswegen nicht fängt, der täuscht sich.
Er fischt am Einlauf des Klovsteinholen-Pools und präsentiert seine Fliege- besser gesagt: es gelingt ihm, sie immer wieder ziemlich
nahe vor seinen Beinen in die Strömung zu transportieren und abtrudeln zu lassen. Und plötzlich steht Kurt mit gebogener Rute im
Wasser und ruft mir zu: „Was soll ich jetzt tun?“ „Lass den Fisch gehen, nicht dagegen halten. Mach die Bremse auf! “ Kurt drillt
den Fisch, der immer wieder in die Strömung flüchtet, erfolgreich bis in den ruhigen Uferbereich. Es ist ein schon gefärbter Fisch,
den wir im Wasser auch auf nächste Distanz kaum ausnehmen können. Nur der Verlauf der Schnur verrät seinen ungefähren
Standort. Unglaublich wie gut die Tarnung ist! Die Schur mit dem „Geisterlachs“ am anderen Ende kommt immer näher und dann: -
eine letzte Flucht - Kurt hält instinktiv dagegen-Schnurbruch- Lachs weg! Kurze Stille und Innehalten! Dann: Kurt wirft seine blonde
Rute mit einer Mischung aus Wut und Schmerz ins Wasser, holt sie wieder raus und verschwindet mit stampfendem Schritt in der
Fischerhütte. „Das war meine Chance und die habe ich jetzt vertan!“ höre ich ihn noch sagen. „Du wirst sehen, unverhofft kommt
oft!“ versuche ich ihn zu trösten. Aber erst eine halbe Stunde später und nachdem auch ich einen Fisch verloren hatte, ist er wieder
ansprechbar.
Doch Kurt gibt nicht auf. Er ist ein Beißer. Er analysiert die vergangene Situation, denkt über seinen Reflex nach und was er das
nächste Mal anders machen wird. Er übt weiterhin Werfen und ist bald wieder frohen Mutes.
Die Anzahl gefangener Lachse hat sich auch bei allen anderen Fischern nicht vergrößert. Es ist unglaublich: in einer Woche, in der
im Jahr zuvor noch weit 30 Lachse gehakt wurden, stehen erst 4 Lachse zu Buche! Und das bei Lachsfischern, denen es an
Erfahrung und Wurfkönnen wahrlich nicht mangelt! Kurt und ich sind nach den vielen Tagen des Fischens fast rund um die Uhr
schon richtig müde geworden.
In den obligatorischen Gesprächen beim Frühstückstisch im Landhaus Aunemo, bei denen sich alle Fischer treffen, wird die
Situation besprochen. Die Alterfahrenen kennen solche matten Wochen. Das Wasser sei für die Jahreszeit zu kalt, die vielen Lachse
ziehen entweder ohne zu stoppen den Fluss hinauf (was wir täglich beobachten konnten) oder sie sind einfach träge, sprich nicht
aggressiv genug, um ihre Pools vor eindringenden Fliegen zu verteidigen.
Doch Kurt gibt, wie gewohnt, nicht auf! Sein Sohn hatte schon angerufen und nach der Anzahl der gefangenen Lachse gefragt- mit
einem etwas hämischen Unterton, wie Kurt berichtet. Am vorletzten Tag fischen Kurt und ich nochmals die Bakka, den Pool ganz
nahe der Meeresmündung. Ich lege mich, nachdem ich schon um 4.30 zu fischen begonnen hatte, im Landhaus nochmals aufs Ohr.
Kurt beschließt, gleich nach dem Frühstück wieder am Pool zu fischen.
Noch etwas verschlafen fahre ich gegen Mittag zur Bakka und traue meinen Augen nicht! Angekommen bei der Fischerhütte
begegnet mir Kurt. Er tänzelt vor meinem Auto hin und her, hebt seine Hände in die Luft, vermischt mit Siegesposen und
Jauchzern! „Du hast doch nicht etwa?“ frage ich ihn. Doch das war nur eine rhetorische Frage. Mich überwältigt seine tiefe Freude
und ich freue mich mit ihm. Er führt mich hinter die Fischerhütte. Dort glänzt ein silberblanker großer Lachs in der Sonne! Toll!
„Stell Dir vor“, quillt es aus seinem Mund. „Ich habe beim Grasbüschel ausgeworfen bis über die Mitte des Flusses und sofort hat
der Lachs genommen! Und diesmal habe ich es gewusst: den Fisch gehen lassen, Rolle auf, Seitendruck geben und warten bis der
Lachs in Seitenlage ist. Er hat sich sogar selbst auf die Schotterbank katapultiert!“ Er erwähnt noch, dass er sich, trotzdem der
Lachs schon am Ufer in den Steinen lag, auf ihn draufgelegt hat- sicher ist sicher! Seine Knie sind immer noch zittrig und vor mir
steht der glücklichste Mensch der Welt. Seine Augen leuchten und er erzählt mir, dass ein großer Lebenstraum für ihn in Erfüllung
gegangen ist. Mir kommen Erinnerungen an meinen ersten Lachs hoch und die damit verbundenen intensiven Momente höchsten
Glückes. Wir sitzen noch ein Weilchen vor der Fischerhütte und sind eins mit der Welt.
Es ist übrigens der größte in dieser Woche gefangene Lachs und noch dazu der einzige ganz frisch aufgestiegene!
Beim Abschied bedankt sich Kurt bei mir. Ich bedanke mich auch bei ihm. Wir hatten eine gute Kameradschaft in dieser Woche!
Gemeinsam haben wir etwas Besonders erlebt: er den Fang seines ersten Lachses und ich ein ansteckendes Glücksgefühl.
Mathias Weyrer